Capu Larghia und Punta Minuta

von Thomas Goldmann

Zwischen Monte Cinto und Paglia Orba schlägt das Bergsteigerherz höher!

 

Capu Larghia (2503m) und Punta Minuta (2556m) – zwei korsische Gipfel im

Höhenzug zwischen Monte Cinto (2706m) und Paglia Orba (2526m) –                        

lassen das Herz des alpinen Bergsteigers höher schlagen.

Keine Farbmarkierung, kein Pfad führen dort hinauf – nur Steinmänner und

viel Spürsinn helfen da. Die Schwierigkeiten sind gering, aber absolute

Trittsicherheit und viel Bergerfahrung sind Voraussetzung; sonst sollte man diese

Besteigungen keinesfalls allein unternehmen. Die Schwierigkeiten am Capu Larghia

sind höher als an der Punta Minuta, muss doch auf den letzten Höhenmetern eine

steile Felsenrinne oder eine noch steilere und ausgesetzte Umgehungspassage

gemeistert werden.

 

Von Calvi fährt man mit dem Auto über I`lle Rousse bis wenige Kilometer vor

Ponte Leccia, wo eine 32 km lange Strasse ins Val Asco abzweigt.

Schon diese Strasse ist ein Erlebnis. Sie führt durch die wilde Asco-Schlucht in das

kleine Bauern- und Urlauberdorf  Asco und dann durch zunehmenden,

wunderschönen Wald nach Haut Asco, ein ehemaliges Skiressort mit einem Berg-

hotel am GR 20. Entweder man übernachtet hier oder man bricht um 4 Uhr in

Calvi auf- die Fahrzeit beträgt 1 ¾ Stunden.

 

Erst bei den letzten Kehren vor Haut Asco öffnet sich der Blick in das südlich

abzweigende oberste Asco-Tal und den Talschluß, dessen Blickfang auf der

rechten Seite Capu Larghia mit seinem Horn ist, während Punta Minuta

durch ihren Nordgrat und ihren linken (östlichen) Nebengipfel Capu Rossu

verdeckt ist. Dieser Blick scheint mir der alpinste der ganzen korsischen Bergwelt

zu sein – vielleicht gemeinsam mit den Felszacken der Bavella.

Hier halten sich Schneefelder bis in den Juli und August.

Die Gipfel schauen von hoch oben durch die riesigen Föhren durch und man

glaubt kaum, dass man diese Gipfel als einfacher Bergsteiger erreichen kann.

 

Aber es geht! Ich verweise auf die 1:25.000 IGN Karte 4250 OT Corte Monte Cinto

und auf „Kurt Schall, Peter und Stefanie Rieder: Genuss-Kletteratlas Korsika,

Verlag Kurt Schall, Wien“.

Man verlässt Haut Asco (1422m) auf dem Weg zum Monte Cinto.

Nach ca 30 – 35 Minuten Wandern erreicht man drei auffällige, große Steinmänner.

Der Weg zum Monte Cinto wendet sich bald danach links zum Bach und überquert

diesen auf einer Brücke (1490m). Wir bleiben jedoch auf unserer

(orographisch linken) Talseite und wenden uns leicht rechts hinauf zwischen

Büschen durch und über Geröll und auch eine leichte Felsrampe.

Viele Steinmänner zeigen, dass es hier viele Möglichkeiten gibt.

Nach ca 15 Minuten sollte man eine Spur erreichen, die einen Hang mit feinerem

Geröll quert (1610m). Danach geht es wieder über größere Blöcke.

Wir steuern den Cirque de Trimbolacciu an, eine Schlucht, die von der

Bocca Pampanosa, der Scharte zwischen Capu Larghia und Capu Rosso,

herunter kommt. Der Schluchteingang wird von einer flachen Schildkrötenkuppe

(1693m, 20 Minuten) gesperrt;

diese Kuppe wird auf ihrer rechten Seite genommen. Bevor man eine Felsrampe

auf der rechten Seite der Kuppe erreicht, muss man kurz durch  lästiges Erlen-

gestrüpp; der Beginn des  Pfads durch die Erlen ist mit einem Steinmann

gekennzeichnet. Nach der Schildkrötenkuppe setzt ein kleiner Felsrücken an,

den man an seinem linken Fuß kurz bis zu den Erlen absteigt.

Gleich geht es wieder über drei steilere Felsrampem hinauf und wieder kurz hinab

in das Bachbett des Cirque de Trimbolacciu (1720m, 15 Minuten).

Dieses ist im Sommer trocken und besteht aus großen Blöcken,

die leicht zu begehen sind.

Nach 10 Minuten Aufstieg im Bachbett  zweigt die Route auf Capu Larghia

links ab (1780m; bis hierher insgesamt 1,5 Stunden).

Dazu muss man ein Band erreichen, das 40 m links (orographisch rechts)

über der dem Schluchtgrund verläuft. Dieses erreicht man über eine steile,

felsige Rinne (1820m, 5 Minuten).

 

 

 

Capu Larghia

 

Das schmale Band verbreitert sich sofort. Man folgt dem Band leicht absteigend

wenige Minuten in talauswärtiger Richtung bis man es nach rechts günstig

verlassen kann und in den breiten, ziemlich felsigen Talkessel zwischen

Pointe des Eboulis und Capu Larghia gelangt. Hier steigt man nicht zu steil den

breiten Kessel von rechts unten nach links oben einen Bach querend an

(1905m, 15 Minuten).

Keinesfalls darf man den direkten Aufstieg zu Capu Larghia nehmen; denn diese

Schlucht wird schließlich zu steil und felsig.

Man steuert das breitere Tal links davon an, welches durch eine Rippe

von der direkten Schlucht getrennt ist und von Capu Larghia wegzuführen scheint.

Links (orographisch rechts) vom Bach steigt man über Felsen aufwärts

zu einem kleinen Kessel mit Wasserfall (2005m, 25 Minuten).

Von hier nach links ausholend über Felsen (I+) wird nach einem Geröllstück

eine weitere Steilstufe ebenfalls nach links ausholend genommen,

worauf es wieder über Geröll und meist auch Schneefelder immer höher Richtung

Scharte (Col du Vallon)  bis auf eine Höhe von 2250m. geht (35 Minuten).

Hier – und es gibt nur eine einzige geeignete Stelle – verlässt man das Tal

nach rechts, geht einige Schritte bergab auf einen Abgrund zu und kann dann

nach links über Felsen kletternd die Rippe, die die Aufstiegsroute von der

eigentlich zu Capu Larghia führende Schlucht trennt, ganz einfach überwinden.

Man hat nun die Steilstufe dieser Schlucht unter sich. Nun geht es steil aufwärts

in die markante Scharte zwischen Capu Larghia und seinem breiten östlichen

Nebengipfel (Breche Felix, 2440m, 40 Minuten). Dabei werden zwei Steilstufen

rechts (orographisch links) über die aperen Felsen genommen

(zweite Steilstufe I+). Von der Breche Felix steigt man auf einer Spur südlich

ein paar Schritte ab bis eingangs erwähnte Felsrinne nach rechts zum Gipfel

aufstrebt. Diese ist steil und unangenehm (II-III), kann aber links sehr steil und

ausgesetzt umgangen werden (Steinmänner, II+).

Danach windet sich die Route wieder einfacher durch Felsen und Blöcke in

leichtem Rechtsbogen auf den Gipfel (20 bis 30 Minuten von der Breche Felix),

der den hervorragenden Blick eines Berges hat, der niedriger als seine umliegenden

Gipfel ist (Geamtsteigung 1080 m; Gehzeit ca 3,5 Stunden).

 

Punta Minuta

 

Von P. 1780 (Abzweigung der Route auf Capu Larghia) geht man den

Cirque de Trimbolacciu geradewegs hinauf in Richtung der Scharte zwischen

Capu Larghia und Capu Rossu (Bocca Pampanosa).

Schwierigkeiten im mittleren Teil werden in einem leichten Rechtsbogen 

umgangen. Zumindest zwei  Schneefelder unten und oben unterhalb der

Bocca Pampanosa sind zu überschreiten; diese können in der Früh auch hart sein.

Unter der Bocca Pampanosa auf 2300 m öffnet sich nach rechts unerwartet eine

breites, steiles Geröllfeld, das man während des Aufstiegs nicht sieht

(vom Tal aus erkennt man es als einen schrägen Streifen unterhalb von

Capu Rossu). Über dieses Geröllfeld führen Steigspuren in die Scharte rechts des

Capu Rossu. Zuletzt einige Felsen. Von dieser Scharte (2450m, 1,75 Stunden)

erblickt man die weite Südostflanke der Punta Minuta –

noch getrennt durch eine weitere niedrigere Scharte (Bocca Rossa, 2400m),

die man im Abstieg über Geröll und Felsen erreicht (10 Minuten).

Der leichteste Anstieg auf den Gipfel erfolgt in der Südostflanke

(der Ostgrat ist mit III schwierig) und windet sich mit Steinmännern markiert

zwischen Schwierigkeiten hindurch leicht (I+) auf den Gipfel (20 – 30 Minuten)

mit prächtigem Blick (Gesamtsteigung 1230 m; Gehzeit  ca 4  Stunden).

 

Die Abstiege von beiden Gipfeln sind identisch mit den Aufstiegen.

(man könnte allerdings auch jeweils nach Süden ins Golotal nach Albertacce

absteigen).

Als Belohnung gibt es ein kaltes Gumpenbad bei der Brücke zum Monte Cinto,

eine kalte Quelle am Weg 10 Minuten vor dem Ziel und ein kühles Bier im Hotel

von Haut Asco.

Bei der Rückfahrt durch das Asco-Tal reiht sich Auto an Auto der zahlreichen

Picknicker und Gumpenbadenden. Je weiter man hinunter  kommt,

desto wärmer wird das Wasser;

über die Veränderung seiner Qualitäten kann man nur Vermutungen anstellen.

 

Ich wünsche allen, die sich trauen, ein ebenso schönes Bergerlebnis,

wie es mir beschieden war.

 

Thomas Goldmann, Klosterneuburg